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Präventivmaßnahmen gegen Naturkatastrophen – ein Leitfaden für Gemeinden

„Der Klimawandel ist ein globales Phänomen, dem auf der Ebene von Gemeinden und Städten effektiv begegnet werden muss. Durch die Komplexität des Klimawandels ergeben sich vielfach Probleme, die nur lokal gelöst werden können, wobei in manchen Bereichen sich auch Chancen auftun, die es zu nutzen gilt“, hebt Helmut Mödlhammer, Präsident des Österreichischen Gemeindebundes, die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel auf Gemeindeebene hervor.

Murenabgänge, beschädigte Gebäude und Bewohner in Angst – Wie die Ereignisse der letzten Wo-chen in der Kärntner Gemeinde Afritz zeigen, gewinnt präventives Risikomanagement mehr und mehr an Bedeutung. Diese Herausforderung nahm das Projektteam von ARISE an und setzte sich zum Ziel, das Konzept des Weltklimarates zur Veranschaulichung der zukünftigen Risiken – die „Globalen Gründe zur Besorgnis“- für eine mögliche lokale Anwendung zu adaptieren. Die dabei entstandenen „Lokalen Gründe zur Besorgnis“ dienen EntscheidungsträgerInnen auf der kommunalen Ebene als Entscheidungshilfe konkrete Anpassungsmaßnahmen gegen bestehende sowie zukünftige Risiken umzusetzen, als auch Chancen zu erkennen. Der Leitfaden „Globale Probleme – lokale Risiken – Vom künftigen Leben mit dem Klimawandel“  entstand im Zuge des Projektes in Zusammenarbeit mit lokalen ExpertInnen der Stadtgemeinde Lienz (Tirol) und WissenschaftlerInnen von acht verschiedenen Organisationen. Der Leitfaden beschreibt in einem „Sechs-Schritte-Verfahren“ die jeweils notwendigen inhaltlichen sowie organisatorischen Arbeiten, um „Lokale Gründe zur Besorgnis“ zu entwickeln und entsprechende risikoreduzierende Anpassungsmaßnahmen umzusetzen.

Neuer Ansatz um zukünftigen Risiken und Chancen auf lokaler Ebene zu begegnen

Die „Lokalen Gründe zur Besorgnis“ dienen als Kommunikations- und Entscheidungshilfe für (lokale) AkteurInnen im Bereich des ganzheitlichen klimasensitiven Risikomanagements. Das Konzept ermöglicht es, Bewusstsein und Handlungsverantwortung für bestehende, entstehende und zukünftige Risiken zu kreieren und zu stärken. Durch das Verfahren können gängige Praktiken im Umgang mit Risiken überarbeitet und mögliche zukünftige Entwicklungen (klimatologische sowie sozioökonomische) in die Beurteilung der Risiken sowie in Gemeinde-Entwicklungskonzepte mit einbezogen werden. Die Identifikation und insbesondere Visualisierung der klimawandelbezogenen Schlüsselrisiken auf Gemeindeebene mittels der „Lokalen Gründe zu Besorgnis“ füllt eine wichtige Lücke in der Entscheidungsfindung und ermöglicht eine gezielte Auswahl aus der Fülle von möglichen Anpassungsmaßnahmen und -strategien. Die Integration der „Lokalen Gründe zur Besorgnis“ unterstützt somit EntscheidungsträgerInnen darin präventiv zu handeln und die für ihre Gemeinde notwendigen Maßnahmen rechtzeitig zu treffen.

Das ARISE Handbuch ist unter folgendem Link verfügbar:

ARISE Handbuch (Deutsch, 10 MB)

 Abschlussveranstaltung und Workshop des Projektes ARISE

„Resilienz im kommunalen Risikomanagement – Lienz in der Perspektive 2050“

Zur weiteren Stärkung der Resilienz der Stadtgemeinde Lienz gegenüber jetzigen und künftigen Risiken trafen sich am 10. März 2016 AkteurInnen der Stadtgemeinde Lienz und WissenschaftlerInnen aus dem Projekt ARISE zum gemeinsamen Austausch bei einem Workshop im Ratssaal. Dabei wurden Anpassungsmaßnahmen, die den Herausforderungen des Klimawandels und den sozioökonomischen Entwicklungen in der Region Lienz Rechnung tragen, diskutiert, priorisiert und evaluiert.

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Abbildung 1: Begrüßung beim Workshop durch Frau LA Dipl.-Ing. Elisabeth Blanik (Bürgermeisterin Stadtgemeinde Lienz)

Die insgesamt zehn TeilnehmerInnen befassten sich im Rahmen des Workshops aktiv mit den künftigen Herausforderungen bzw. den „Lokalen Gründen zur Besorgnis (LGB)“. Sie evaluierten die vom Projektteam entwickelten Maßnahmen, die einen angemessenen Umgang mit diesen Herausforderungen in Zukunft ermöglichen.

Die positive Stimmung während des Workshops spiegelte die gute Kooperation zwischen der Stadtgemeinde Lienz und den wissenschaftlichen ExpertInnen und deren Unterstützung beim Umgang mit jetzigen und künftigen Risiken wider.

„Lokale Gründe zur Besorgnis“:

Das Konzept „Lokale Gründe zur Besorgnis“ (LGB) veranschaulicht bestehende und künftige Risiken aus klimatischen und sozioökonomischen Veränderungen. LGBs erleichtern die Entscheidung für Maßnahmen an eine sich verändernde Risikolandschaft.

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Abbildung 2: Workshop-Vorbereitung und wissenschaftlicher ExpertInnen-Austausch

Als Grundlage für die LGB wurden ein von der ZAMG entwickeltes Klimaszenario und ein partizipativ erarbeitetes sozioökonomisches Szenario für die Region Lienz (Workshop Jänner 2015) herangezogen. Aufbauend auf diesen Szenarien wurden die Risiken der Stadtgemeinde Lienz jeweils von lokalen AkteurInnen sowie von ExpertInnen des ARISE-Projektteams für das Jahr 2050 beurteilt. Die lokalen AkteurInnen steuerten hierzu regionsspezifisches Erfahrungswissen bei, das Projektteam den aktuellen Stand der Forschung. Die fertigen LGBs und deren detaillierte Entstehungsgeschichte wurden bei der Abschlussveranstaltung vorgestellt.

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Abbildung 3: Lokale Gründe zur Besorgnis (LGB) der Stadtgemeinde Lienz

Für die Stadtgemeinde Lienz ergab das vereinte Wissen von lokalen AkteurInnen und Projektteam folgende hochrelevante „Lokale Gründe zur Besorgnis“:

    • LGB 1 – niederschlagsbedingte Naturgefahren (Zunahme von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotential)
    • LGB 2 – extreme Hitze- und Dürreperioden (Zunahme von Eintrittswahrscheinlichkeit, Schadenspotential und Verletzlichkeit)
    • LGB 3 – Herausforderung von Zivil- und Selbstschutz (Zunahme der Verletzlichkeit)
    • LGB 4 – Ausfälle im klassischen Wintertourismus (Zunahme der Eintrittswahrscheinlichkeit)

Im weiteren Projektverlauf (Herbst/Winter 2015) entwickelte das Projektteam für jeden der vier LGB ein Bündel von Maßnahmen für die Stadtgemeinde Lienz:

  • Schutz vor niederschlagsbedingten Naturgefahren stärken (LGB1)
  • Hitzeschutzkonzept Lienz und Umgang mit Dürre (LGB2)
  • Katastrophen-, Zivil- und Selbstschutz langfristig absichern (LGB3)
  • Diversifizierung und Ausbau des Ganzjahrestourismus (LGB4)

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Abbildung 4: Maßnahmen für LGB1 „Niederschlagsbedingte Naturgefahren“

Diese Maßnahmen wurden von den TeilnehmerInnen der Abschlussveranstaltung mit regem Interesse aufgenommen und priorisiert. Bei der Reihung der Maßnahmen wurde besonders auf Relevanz, Durchführbarkeit und Wirkung geachtet.

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Abbildung 5: Priorisierung der Anpassungsmaßnahmen durch die Workshop TeilnehmerInnen

Für die Evaluierung unterzogen die TeilnehmerInnen die prioritären Maßnahmen einer Multikriterien-Analyse. Hierfür wurden u.a. ökonomische, soziales, institutionelle und ökologische Indikatoren verwendet. Die individuellen Bewertungen der lokalen AkteurInnen wurden zu einem maßnahmenspezifischen Bewertungsprofil zusammengefasst (Abbildung 7).

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Abbildung 6: Evaluierung der priorisierten Anpassungsmaßnahmen anhand der Multikriterien-Analyse

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Abbildung 7: Bewertungsprofil zweier Maßnahmen

Bewertungsprofile zeigen auf einen Blick unterschiedliche Bewertungen verschiedener Maßnahmen in Bezug auf unterschiedliche Evaluierungskriterien. Sie können außerdem Zielkonflikte aufzeigen, etwa zwischen Durchführbarkeit und Kosten. Auf diese Weise erleichtert die Multikriterienanalyse die Auswahl der bestmöglichen Handlungsoption(en).

 

Einladung: Einladung Abschlusspräsentation ARISE

Teilergebnisse des ersten Workshops im Jänner 2015:

Wann: 10. März 2016 – 14:00 – 17:00 Uhr

Wo: Ratssaal der Stadtgemeinde Lienz in der Liebburg

Erster Workshop in Lienz

Am 28. Jänner 2015 trafen sich VertreterInnen aus verschiedenen Lienzer Wirtschaftsbereichen, der Verwaltung sowie der Politik, um im Ratssaal der Stadtgemeinde Lienz gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen über die Auswirkungen des Klimawandels und über mögliche zukünftige sozioökonomische Entwicklungen in der Region Lienz zu diskutieren. Die Veranstaltung fand im Rahmen des seit 2014 laufenden Forschungsprojekts ARISE statt. Die insgesamt 15 TeilnehmerInnen arbeiteten im Rahmen des Workshops an möglichen Zukunftsszenarien der Stadtgemeinde und ihr Umland für den Zeithorizont 2030 bis 2050.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Bereits im Vorfeld wurden anhand qualitativer Befragungen im Raum Lienz lokales Wissen und Erfahrungen der AkteurInnen eingeholt. Hier ging es in erster Linie um das vorhandene Bewusstsein und Wissen zum Thema Klimawandel und Naturgefahren. Die Ergebnisse daraus wurden im Rahmen der Veranstaltung durch das Umweltbundesamt vorgestellt. Das WIFO Österreich präsentierte aktuelle Trends sowie Daten zu sektoraler Beschäftigung, Wertschöpfung und demographischer Entwicklung für die Region Osttirol als auch die Stadtgemeinde Lienz und den Planungsverband 36. Die langfristigen Bevölkerungsprognosen basieren auf den ÖROK (Österreichische Raumordnungskonferenz) Szenarien für 2030 und 2050. Des Weiteren wurde von der ZAMG ein regionales Klimaszenario für den Raum Lienz entwickelt, das mögliche klimatische Veränderungen bis zum Jahr 2100 darstellt.

Regionales Wissen als wichtiger Beitrag für regionale sozioökonomische Szenarien

Im Rahmen des Projektes ARISE werden zwei regionale sozio-ökonomische Szenarien für die Stadtgemeinde Lienz und das relevante Umland entwickelt, die neben den Klimaszenarien ein Kernstück für die Abschätzung zukünftiger Risiken bilden. Aufgrund der Kleinräumigkeit ist eine rein modellbasierte Analyse nicht ausreichend, vielmehr ist es wichtig hierbei das lokale Wissen einzubinden. Aufbauend auf vergangenen Trends und der lokalen Einschätzung über zukünftige mögliche Entwicklungen werden im Projekt in weiterer Folge die sozioökonomischen Szenarien entwickelt. Gemeinsam mit den Workshop-TeilnehmerInnen wurden mögliche zukünftige Entwicklungen für die Sektoren:

  • Tourismus;
  • Infrastruktur und Naturgefahren;
  • Land- und Forstwirtschaft;
  • Industrie und produzierendes Gewerbe;
  • Bildung, Gesundheit und sonstige Dienstleistungen;
  • Politik und Verwaltung.

aus zwei unterschiedlichen Perspektiven anhand eines „Boom“-Szenarios (florierende wirtschaftliche Entwicklung) und eines „Stagnations“-Szenarios (negative wirtschaftliche Entwicklung) diskutiert.

Einblicke und Eckpunkte eines möglichen Boom-Szenarios: hohes sozio-ökonomisches Potential für Lienz und Umgebung

Charakteristisch für das von den TeilnehmerInnen erarbeitete „Boom“-Szenario ist eine sektorübergreifende positive Einschätzung des sozio-ökonomischen Potentials der Region. Diese ist gepaart mit einem ausgeprägten Bewusstsein, dass es im Fall positiver wirtschaftlicher Entwicklung zu deutlichen Verschiebungen in Struktur und Zielorientierung einzelner Sektoren kommt. So diskutierten die TeilnehmerInnen im Bereich Tourismus z.B. die „Vision“ eines sanften Hütten- und Almtourismus, eines Tourismus ohne eigenes Auto oder ein Erlebnis Wasserwelt Osttirol und sahen vielfältige Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung des Sektors, vor allem im Ausbau des Sommertourismus. Im Bereich „Infrastruktur und Naturgefahren“ wurde die Aufrechterhaltung von Wege- und Versorgungsnetzen als charakteristisch für die wirtschaftliche Entwicklung eines Boom-Szenarios hervorgehoben. Der höhere Erhaltungsaufwand und die Frage der Finanzierbarkeit wurden jedoch sogleich als Stolperstein einer Realisierung identifiziert. In diesem Punkt berührten sich das „Boom“ und das „Stagnations“-Szenarien insofern, als dass sich wünschenswerte positive Zukünfte durch gegebene administrative und fiskalische Restriktionen als „unrealistisch“ erwiesen. Man könnte sagen, die Erstellung einer langfristigen positiven Zukunftsvision wurde regelmäßig durch einen aktuell gegebenen Realitätsbezug in ihre Schranken verwiesen. Im Laufe des Workshops lösten sich die TeilnehmerInnen zusehends von gegebenen Sachzwängen und fanden Gefallen an der gedanklichen Entwicklung einer boomenden Zukunft, an der Erstellung einer Vision. Die folgenden Eckpunkte sollen an dieser Stelle als Einblick in die diversen Ausblicke genügen: Flächendeckender Ausbau von Photovoltaikanlagen, Windenergieansiedlung in Osttirol, Frischluftkurzentrum für die Bevölkerung aus den überhitzten Städten, Sommerfrische, innovative Bildungseinrichtungen, neue Dienstleistungen, Bildungscluster Pflege, Bildungscluster Naturmanagement, Spezialisierung und Nischenbildung im produzierenden Bereich für die Reichen dieser Welt in Asien und Europa, Bestandspflege bestehender Industriebereiche, endogene Wirtschaftsentwicklung durch Innovation und Nischenprodukte, eine proaktive auf Bürgerbeteiligung setzende Politik und nicht zuletzt eine positive Bewusstseinsbildung sowie ein integriertes Denken für die Region.

Mangelnde Flexibilität und sektorales Denken als Hemmschuh: ein mögliches „Stagnations“-Szenario

Als Dreh- und Angelpunkt einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale kristallisierten sich die prognostizierte Abwanderung aus der Region, der Bevölkerungsrückgang sowie die Alterung der Bevölkerung heraus. Eine mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema Immigration wurde als konstitutiver Faktor eines „Stagnations“-Szenario benannt. Wesentliche Eckpfeiler des Szenarios waren darüber hinaus fehlende weiterführende Bildungseinrichtungen und ein intensiver internationaler Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte. Im administrativen Bereich wurde striktes territoriales Denken, also ein Denken und Handeln, das sich an administrativen und territorialen Einheiten orientiert und nicht an Funktionen, für eine stagnierende Entwicklung ausgemacht. Der Wechsel der Perspektive zu einem Szenario einer negativen wirtschaftlichen Entwicklung zeigte deutlich, woran eine positive zukünftige Entwicklung scheitern mag: zu starre und wenig wandlungsfähige Systeme.

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